Mobil nutzbare Over-Ear-Kopfhörer in der gehobenen Preisklasse warten inzwischen mit üppiger Funktionalität und aktiver Nebengeräuschunterdrückung auf. Mit dem Lagoon ANC möchte Beyerdynamic nun den Platzhirschen von Sony und Bose die Stirn bieten.

Auftreten

Das Design ist ansprechend, schnörkellos elegant und hochwertig. Die dreh- und klappbaren Ohrmuscheln für eine platzsparende Unterbringung im keilförmigen mitgelieferten Case sind ebenso wie der längenverstellbare Federstahlbügel mit Memoryschaumstoff gepolstert und mit Kunstleder überzogen, das sich angenehm weich und komfortabel anfühlt. Hieraus ergibt sich ein bequemer und sicherer Sitz, auch für längere Hörsitzungen. Bei hohen Temperaturen beginnt das Ohr allerdings zu schwitzen.

Die vorliegende Traveller-Version ist komplett in Schwarz ausgeführt, während die technisch identische Explorer-Variante auf die Farbkombination Grau und Braun setzt. Technisch punktet der Lagoon ANC mit aktivem Noise Cancelling, Touchfunktionen zur Steuerung sowie einer Klangpersonalisierung. Beeindruckend sind zudem die Herstellerangaben zur Laufzeit: 45 Stunden ohne und 24,5 Stunden mit Geräuschunterdrückung. Und tatsächlich gab es im längeren Testverlauf keinerlei Bedarf, den Hörer nachzuladen. Auch zur Bluetooth-Verbindung gibt es keine Beanstandungen: Das Pairing erfolgt schnell und die Funkstrecke wird über mehrere Zimmer einer Wohnung stabil aufrecht erhalten. Ein Pairing ist dabei mit bis zu 15 Geräten möglich, wovon zwei gleichzeitig aktiv und wechselseitig betrieben werden können.

Praxis

Bei der Bedienung setzt der Lagoon ANC auf ein Touchfeld an der rechten Ohrmuschel und zwei Schalter, mit denen sich das Gerät ein- und ausschalten sowie das Noise Cancelling in zwei Intensitätsabstufungen zuschalten lässt. Hier findet man sich also schnell zurecht.

Über das Touchfeld lässt sich der Pegel steuern, die Wiedergabe starten/stoppen, zwischen Titeln springen, vor- und zurückspulen, ein Sprachassistent im Smartphone oder Rechner aufrufen sowie Telefonate annehmen/beenden und makeln. Das funktioniert alles mit wenig Übung zuverlässig.

Ein nettes Extra ist die LED-Innenbeleuchtung der Ohrmuscheln, die Informationen zum Gerätestatus farbcodiert visualisiert, etwa einen niedrigen Batteriestand. Legt man den Kopfhörer ab, so kann man am Erlöschen der Beleuchtung zudem erkennen, dass der Lagoon ANC automatisch in den Standby-Modus wechselt.

Teil des Bedienkonzepts ist die kostenlose MIV App für Android und iOS. In dieser findet sich eine Online-Hilfe zu den Hörerfunktionen, eine Hörstatistik, die Möglichkeit, das Touchfeld in seiner Empfindlichkeit zu konfigurieren und vor allem eine mögliche Klangpersonalisierung (MOSAYC by Mimi Defined). Dabei wird über die App ein Hörprofil durch eine Serie von Testfrequenzen in unterschiedlichen Pegeln, die durch den Anwender bestätigt werden müssen, ermittelt und um eine Altersangabe ergänzt. Resultat ist eine Korrekturkurve, die sich stufenlos auf die Klangausgabe anwenden lässt.

Noise Cancelling

Als Basis wartet der Lagoon ANC mit einer mittleren passiven Dämpfung auf. Den wirksamen Schutz in Form einer aktiven Nebengeräuschunterdrückung schaltet man jedoch geradlinig über eine zweistufige Elektronik zu, die sinnvollerweise auch bei ausgeschalteter Musikwiedergabe arbeitet. Die Dämpfung betrifft vor allem den Bassbereich und filtert somit effektiv tieffrequente sowie statische Geräusche aus. Insbesondere in stationären Situationen, etwa sitzend im Zug oder Flugzeug schafft man sich damit tatsächlich einen abgeschotteten Ruhebereich. Die zweite Intensitätsstufe greift dabei schon recht effizient, ohne aber störend zu wirken. Konzeptbedingt funktioniert die Dämpfung bei Bewegung weniger effizient. Windgeräusche empfand ich in der Praxis allerdings nicht als Problem. Dennoch hat die Konkurrenz die Nase vorn: So geht das Noise Cancelling mit einem leichten hörbaren Eigenrauschen einher. Dazu ist die Schaltbarkeit in zwei Stufen nicht unbedingt feinfühlig. Und schließlich hätte ich mir die Möglichkeit des Sony WH-1000XM3 (zum Test) gewünscht, per Touchfunktion spontan mit der Umgebung in Kommunikation zu treten.

Klang

Das typische Einsatzgebiet des Lagoon ANC dürfte die Nutzung über die Bluetooth-4.2-Strecke sein, auf die sich die folgende Klangbeschreibung (beurteilt über ein iPhone 8) bezieht. Der Kopfhörer liefert eine stimmige Klangleistung mit fülliger und druckvoller Abstimmung und generell guter Detailauflösung. Er produziert bei Bedarf kräftige Pegel, die glücklicherweise aber nicht für den Sitznachbarn hörbar werden. Von der Grundtendenz würde ich das Modell als Komforthörer für den gehobenen Anspruch einordnen, der den gewünschten Hörspaß liefert, sich jedoch weniger als audiophiler Feingeist präsentiert. Hinsichtlich der Codecs offeriert Beyerdynamic eine ebenfalls gehobene Ausstattung: Für die Apple-Plattform kommt AAC zum Einsatz, während bei Android-Geräten aptX und das schnelle aptX LL für Filmton unterstützt werden. Vorab aber ein Wort zum Hörprofil: Es ist in der Intensität regelbar, wird aber leider nicht im Pegel kompensiert. Somit gehen höhere Intensitäten stets mit einem Lautstärkeschub einher, was Vergleiche erschwert. Inwieweit die Kurve tatsächlich eine Linearisierung des eigenen Gehörs darstellt, kann ich nicht beurteilen, zumal ich auch Zweifel an der Unbestechlichkeit der eingesetzten Testmethodik anmelde. Der Hörtest fand mit eingeschalteter Kompensation bei mittlerer Intensität statt.

Sofern man sich nicht in ruhigen Heimumgebungen befindet, empfehle ich trotz geringfügiger Einbußen in der Transparenz das Einschalten der aktiven Geräuschunterdrückung, da man so durch einen grundsätzlich besseren Störgeräuschabstand belohnt wird, der das Musikerleben intensiviert. Im Bassbereich zeigt sich der Kopfhörer kräftig mit hinreichender Definition. Gleichzeitig kann er durchaus sicher ältere Aufnahmen mit weniger Tiefgang identifizieren. Auch echter Tiefbass ist nachvollziehbar, ebenso wie tiefe Tonalitäten und wechselnde Dynamik.
Im Mittenbereich zeigen sich Stimmen gut verständlich und akustische Instrumente mit überzeugender Klarheit. Dabei wird neben dem Charakter der unterschiedlichen Instrumente auch aufnahmeabhängig eine schöne Nähe vermittelt. Einzig im Grenzbereich zwischen Bass und Tiefmitten empfinde ich die Abstimmung leicht überbetont. Dafür erhält man in Rock-, Pop- und EDM-Genres einen druckvollen Sound, der aber bei auch orchestralen Werken die nötige Dynamik offenbart.

Bei den hohen Frequenzen zieht der Lagoon ANC eine sichere Grenze zwischen Transparenz und Härte. Hieraus ergibt sich eine gute Detailinformation, mit deren Hilfe sich die Kontur der beteiligten Instrumente ebenso wie die Stereobühne und Bewegungen im Panorama gut nachvollziehen lassen. Bei der Raumtiefe bewegt sich das geschlossene dynamische Treibersystem erwartungsgemäß eher im Mittelfeld und kann nicht mit offenen kabelgebundenen HiFi-Spezialisten mithalten. Dennoch: Der Fazioli auf Benny Anderssons Pianowerk wird mit herrlicher Intimität und Raumklang reproduziert.

Eine Überraschung ergab sich beim Betrieb des Hörers über das mitgelieferte Kabel, was sowohl aktiv mit Noise Cancelling also auch rein passiv möglich ist. Die Klangergebnisse sind erstklassig und übertreffen hinsichtlich der Definition und Detailauflösung die Bluetooth-Strecke. Entsprechend darf man Beyerdynamic gratulieren, denn ganz offenbar wird hier mit einer hochwertigen Treiberausstattung gearbeitet, die nicht elektronisch aufgemotzt werden braucht. Schließlich liefert der Lagoon ANC eine gute Sprachverständlichkeit beim Nutzer und Gesprächspartner.

Fazit: Beyerdynamic Lagoon ANC Traveller
von Ulf Kaiser

Bewertung
Bewertung:
Sound
Handling
Preis/Leistung
Funktion

Mit einem Preis von 400 Euro platziert sich der Lagoon ANC neben den Modellen von Sony, Bose und Sennheiser. Bei der Rauschunterdrückung würde ich Sonys WH-1000XM3 oder auch dem Bose NC700 aufgrund seiner variablen Einstellbarkeit den Vorzug geben. Beim Tragekomfort und der generellen Klangqualität lässt sich Beyerdynamic aber keinesfalls ausbremsen. Mit der hohen Klangqualität der Treiber im passiven Betrieb zeigt der Hersteller aus Heilbronn zudem weiterhin, wie man eine gute Konstruktionsbasis legt.

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Messdaten

Mehr Messdaten

Technische Daten

Bauform
Over-Ear
Bauweise
geschlossen
Wandlerprinzip
dynamisch
Audio-Übertragungsbereich (Hörer)
10 - 30.000 Hz
Impedanz
21,75 Ohm
Schalldruckpegel (SPL)
99,6 dB
Druck gemittelt aus großem und kleinem Kopf
584,5 g
Gewicht mit Kabel
293 g
Gewicht ohne Kabel
284 g
Kabellänge
120 cm

Lieferumfang

  • Miniklinkenkabel
  • USB-C-Ladekabel
  • Transportcase

Besonderheiten

  • Akkulaufzeit: bis zu 45 Std.
  • Akkulaufzeit mit ANC: bis zu 24,5 Std.
  • BT-Codecs: aptX LL, aptX, AAC, SBC
  • BT-Profile: A2DP, AVRCP, HFP, HSP, SPP

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