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Amplifon übernimmt GN Hearing für 2,28 Milliarden Euro

Von Redaktion vor 2 Stunden

Der italienische Hörakustik-Filialist Amplifon kauft die Hörgeräte-Sparte von GN Store Nord für 17 Milliarden dänische Kronen – umgerechnet rund 2,28 Milliarden Euro. Zum Paket gehören die Marken ReSound, Beltone, Interton und Danavox. Der Deal markiert einen Paradigmenwechsel: Erstmals übernimmt ein globaler Filialist einen etablierten Hersteller und kontrolliert damit die gesamte Wertschöpfungskette.

Die Eckdaten des Deals

Amplifon hat eine Vereinbarung zur Übernahme der gesamten Hearing-Sparte von GN Store Nord unterzeichnet. Die Transaktion erfolgt auf Cash-free- und Debt-free-Basis und bewertet das Geschäft mit 17 Milliarden dänischen Kronen. Nach Bekanntgabe stieg die GN-Aktie um 35 Prozent, während Amplifon knapp zehn Prozent verlor – ein typisches Muster bei Übernahmen dieser Größenordnung.

GN Hearing erzielte 2024 einen Umsatz von rund 7,1 Milliarden Kronen bei einer operativen Marge von über 30 Prozent. Die Sparte galt innerhalb des Konzerns als Wachstumstreiber. Umso bemerkenswerter ist der Verkaufszeitpunkt.

Warum GN sich von einem profitablen Bereich trennt

Offiziell nennt GN Store Nord eine strategische Fokussierung als Grund. Branchenbeobachter vermuten, dass sich der Konzern stärker auf Audio- und Gaming-Bereiche konzentrieren will. Gleichzeitig eröffnet der Verkauf finanzielle Spielräume für neue Investitionen.

Für Amplifon ist es die Chance, eine strategische Lücke zu schließen: Der weltweit größte Hörakustik-Filialist besaß bisher keine eigene Produktion. Mit GN Hearing kauft sich der Konzern nicht nur Marken, sondern auch Know-how, Patente und Zugang zu KI-gestützten Hörlösungen sowie OTC-Geräten – Technologien, die als Schlüssel für die Zukunft der Branche gelten.

Vertikale Integration: Wenn der Händler zum Hersteller wird

Bis vor wenigen Jahren galt die Trennung zwischen Hersteller und Handel als ehernes Gesetz der Hörakustikbranche. Hersteller entwickeln Hörgeräte, Filialketten und unabhängige Hörakustiker*innen verkaufen sie. Diese Rollenverteilung war jahrzehntelang stabil.

Mit der Übernahme von AudioNova durch Sonova begann das Modell zu bröckeln – Hersteller integrierten Retailstrukturen. Der Amplifon-Deal dreht die Richtung um: Ein Händler kauft einen Hersteller. Amplifon kontrolliert künftig Entwicklung, Produktion, Marke und Vertrieb. Damit entsteht ein vertikal integrierter Konzern mit neuen Spielräumen bei Preiskalkulation und Innovationssteuerung.

Parallele zum Demant-KIND-Deal

Der Schritt kommt nicht aus dem Nichts. Erst kürzlich hatte Demant, Mutterkonzern der Marke Oticon, den deutschen Filialisten KIND für rund 700 Millionen Euro übernommen. Auch dort verschmolzen Hersteller und Einzelhandel. Die Branche bewegt sich erkennbar auf ein Modell zu, in dem vertikal integrierte Konzerne an Einfluss gewinnen – auf Kosten unabhängiger Hersteller und Händler.

Was das für den deutschen Markt bedeutet

Deutschland ist traditionell stark von unabhängigen Hörakustiker*innen geprägt. Gleichzeitig steigt der Filialisierungsgrad seit Jahren. Der Amplifon-Deal könnte diese Entwicklung beschleunigen.

Für unabhängige Betriebe stellt sich eine strategische Frage: ReSound und die anderen GN-Marken gehörten bisher für viele zum festen Sortiment. Wenn diese Produkte künftig einem direkten Retailkonkurrenten gehören, könnten einige Akustiker*innen ihre Sortimentsstrategie überdenken – eine Entwicklung, die bereits nach der Demant-KIND-Übernahme diskutiert wurde.

Gleichzeitig entstehen neue Wettbewerbsdynamiken. Ein integrierter Konzern kann Margen anders kalkulieren als ein reiner Händler. Denkbar wären aggressive Preisstrategien mit Eigenmarken – möglich durch die Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette. Für Verbraucher*innen könnte das kurzfristig günstigere Preise bedeuten. Langfristig führt ein stärker konzentrierter Markt jedoch oft zu weniger Wettbewerb.

Konzentration im Herstellermarkt nimmt zu

Die Zahl der großen unabhängigen Hörgerätehersteller sinkt weiter. Die Branche ist ohnehin stark konsolidiert – wenige internationale Konzerne dominieren den Markt. Wenn nun auch noch Hersteller in Retailstrukturen integriert werden, verschieben sich die Machtverhältnisse erneut.

Für unabhängige Hörakustiker*innen könnte das mittelfristig weniger Auswahl bedeuten. Gleichzeitig wächst die Verhandlungsmacht großer Konzerne gegenüber dem Fachhandel. Spezialisierung, Beratungskompetenz und individuelle Lösungen dürften für unabhängige Betriebe wichtiger werden als je zuvor.

Fazit

Der Verkauf der GN-Hörsparte an Amplifon ist mehr als ein Unternehmensdeal. Er markiert einen Wendepunkt in der Hörgeräteindustrie. Mit Amplifon steigt erstmals ein globaler Filialist zum Hersteller auf und kontrolliert die gesamte Wertschöpfungskette.

Nach der Demant-KIND-Übernahme entsteht ein Markt, in dem Hersteller und Retail immer stärker verschmelzen. Für unabhängige Hörakustiker*innen wird Differenzierung zur Überlebensfrage. Für Verbraucher*innen könnte kurzfristig mehr Innovation und möglicherweise günstigere Preise entstehen – langfristig steigt jedoch die Macht weniger großer Konzerne.

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