Der MDR-Z1R, das neue Referenzmodell von Sony, ist einer der komfortabelsten geschlossenen Kopfhörer, die ich jemals testen durfte. Ausgefallene technische Details, die besondere Bauform und die Klangabstimmung sorgen für Gänsehautmomente – nicht nur bei Technik-Nerds.

Sony wurde im Jahr 2016 stolze 70 Jahre alt

Dies feierte das Unternehmen mit einer Palette neuer Referenzprodukte, die das gesammelte Ingenieurswissen des Unternehmens unter dem Label „Signature Series“ eindrucksvoll unter Beweis stellen sollten. Der hier getestete Kopfhörer MDR-Z1R wurde mit dem klaren Fokus auf eine detailversessene Komponentenauswahl und ein „neuartiges“ Audio-Design entwickelt, um dem Hörer das Gefühl des realen Klanggeschehens möglichst authentisch zu vermitteln. In den Bereichen Komfort und Materialauswahl – soviel sei vorweggenommen– liefert der MDR-Z1R beeindruckende Qualitäten. Sonys Ingenieure strebten nach eigenen Aussagen nach nicht weniger als der perfekten Wiedergabe jeder noch so subtilen Klangnuance. Schlagwörter wie Mikrosounds, Klangdetails, Dynamik und Atmosphäre werden dabei in Interviews aufgeführt, wenn es um die ideale Übersetzung tatsächlicher Klangereignisse mit Kopfhörern geht. Bei einem empfohlenen Verkaufspreis von 2.199 Euro sollten diese Ansprüche doch umgesetzt worden sein …

Selbstbewusstes Auftreten

Wenngleich ich für analytische Tonübungen seit Jahren festgelegtes Besteck verwende, freue ich mich immer besonders auf Vertreter der absoluten Spitzenklasse wegen ihrer oft besonderen Details. Als der Paketbote mir den MDR-Z1R lieferte, dachte ich trotzdem zuerst, ich hätte ein Röhren-Topteil oder neue Gewichte für meine Hanteln bestellt: ein riesiges und beachtlich schweres Paket! Nimmt man die Kopfhörerbox aus der Kartonage, stellt sich ein Hauch Exklusivität ein. Eine vollständig mit Leder bezogene, riesige Aufbewahrungsbox liegt vor mir, die über einen hochwertigen Metallklappverschluss geöffnet wird. Das erinnert mich irgendwie an luxuriösen Schmuck oder sehr teuren Armagnac. Die Aufmachung des Interieurs bestätigt den Eindruck.

Haptik, Optik, Tragekomfort

Nimmt man den MDR-Z1R aus der „Schmuckkiste“, hält man ein in meinen Augen herausragendes Design-Objekt in den Händen. Auffallend ist vor allem die Formgebung der Ohrschalen, die mit einem engmaschigen Stahlgitter geschützt werden – doch dazu später mehr. Mir gefallen viele Details des Kopfhörers, darunter der optisch nahtlose Übergang zwischen Ohrschalenaufhängung und dem beidseitig verschraubten Kopfhörerkabel, das von Hand vernähte Leder für den Bezug des Kopfbügels und der Ohrschalen und das insgesamt schlichte, matt schimmernde Design. Der MDR-Z1R ist ein wirklich großer „pseudo-geschlossener“, ohrumschließender Kopfhörer. Die Anpassung an meinen Kopf ist eine wahre Wohltat. Die Ohrschalen sind sowohl kipp-, als auch drehbar und der Titan-Kopfbügel bietet den für mich idealen Anpressdruck. Anwender mit extra schmalem Kopf sollten sich vor dem Kauf allerdings rückversichern, ob der Kopfhörer nicht vielleicht etwas zu „lose“ ist. Schon nach kurzem Tragen komme ich zu der Erkenntnis: Der MDR-Z1R ist für mich einer der komfortabelsten geschlossenen Kopfhörer meiner gesamten Laufbahn. Die ergonomisch geformten Ohrschalen mit Schafslederbezug und der mit dem gleichen Material bezogene und gut gepolsterte Kopfbügel bieten einen herausragenden Tragekomfort. Die großzügige, aber nicht übermäßige Polsterung mit Memoryschaumstoff ist auch nach Stunden des Hörens immer noch extrem bequem. Baubedingt wird es bei ausgedehnten Sessions natürlich trotzdem warm.

Der Kopfbügel wurde aus Beta-Titan gefertigt, ein Werkstoff, der aus hochreinem Titan besteht, das mit einer speziellen Beta-Legierung veredelt wird. Normalerweise kommt Beta-Titan in der Luft- und Raumfahrt sowie bei der Fertigung hochflexibler und widerstandsfähiger Brillengestelle zum Einsatz. In der Praxis bedeutet das, ich kann den Kopfbügel nahezu grenzenlos oft auf- und absetzen, ohne an Elastizität zu verlieren. Außerdem ist das Material deutlich leichter als Stahl. Der Anpassungsbereich des Kopfbügels ist jeweils über zehn sanfte Rasterpunkte großzügig.

Der Kopfhörer wird mit zwei verschiedenen Kabeln (mit silberbeschichteten, sauerstofffreien Kupferdrähten) ausgeliefert – einem 3 m langen Standardkabel mit Miniklinken-Stecker und einem symmetrischen 1,2 m langen Kabel mit einem 5-poligen L-Stecker zum Anschluss an bspw. kompatible DACs.

In den überschriebenen Disziplinen erzielt der MDR-Z1R Bestnoten!

Material und Technik

Normalerweise erspare ich Lesern einen ausgedehnten Exkurs in verwendete Materialien. Da der MDR-Z1R aber so viele spannende Ansätze in sich vereint, möchte ich eine Ausnahme machen. Neben den offensichtlichen und bereits beschriebenen Materialien, finden die interessantesten Details im Verborgenen statt.

Dazu nehme ich die nachbestellbaren Ohrpolster an den Markierungen durch leichtes Drehen ab. Darunter erkennt man den nach schräg hinten verbauten, mit 70 mm wirklich riesigen Treiber. Dieser liegt hinter einer Membranbespannung, die der spiralförmigen Anordnung von Sonnenblumensamen nachempfunden wurde. Das sieht nicht nur extrem schön aus, sondern soll mit den gleichmäßig verteilten Öffnungen (der Fibonacci-Sequenz folgend) akustisch auch dabei helfen Mikrosounds authentisch abzubilden, die wiederum für eine räumliche Aufschlüsslung des Klanggeschehens entscheidend sind. Die Membran besteht aus einer nur 30 Mikrometer dünnen Magnesiumkalotte und aluminiumbeschichtetem Flüssigkristallpolymer. Dahinter liegt die kupferummantelte Aluminium-Schwingspule, die in einem zweiteiligen Neodym-Magneten mit Polstück aufgehängt ist. Alle Komponenten werden von Hand mit einem eigens entwickelten, bleifreiem Lot verbunden – nur ein kleines weiteres Detail, das dazu beitragen soll, dass der MDR-Z1R laut Spezifikationen Frequenzen von 4 Hz – 120 kHz übertragen kann. Um die in geschlossenen Kopfhörersystem häufiger auftretenden Gehäuseresonanzen zu verhindern, griffen Sonys Ingenieure in die Trickkiste. Genauer gesagt bedienten sie sich der traditionellen Washi-Technik der Papierherstellung und formten daraus ein angepasstes Akustikfilter aus langfaserigen kanadischen Weichhölzern. Dieses wird schließlich vom formgebenden, kleinmaschigen Metallgitter mit einer widerstandsfähigen Chrombeschichtung eingefasst. In den engen Maschen kann sich relativ leicht Staub oder auch Schuppen verfangen, die man hin und wieder rauspusten sollte. Jeweils oben an den Ohrschalen befinden sich zudem kleine „Druckaustauschöffnungen“, die den geschlossenen Charakter aufweichen und Schall an die Umgebung abgeben.

Klang

Nach dem zugegeben längeren Anlauf komme ich nun zum Wesentlichen. Das klangliche Geschehen unter den Ohrmuscheln des MDR-Z1R möchte ich in Gefühl und Höreindruck differenzieren. Der MDR-Z1R ist seit langer Zeit ein Kopfhörer, der mir mehrfach Gänsehaut bescherte. Er besitzt eine grundsätzlich warme, dunkle Abstimmung mit Besonderheiten.

Mann, kann der Bass! Damit meine ich nicht nur, dass die Abbildung des tieffrequenten Klangfundaments breitbandig bis ganz nach unten reicht – vielmehr nimmt einen der MDR-Z1R mit. Das erreicht der Kopfhörer durch die warme, überhöhte Darstellung und die vorhandenen Subbässe. Daran musste ich mich tatsächlich erst gewöhnen, da ich anfangs das Gefühl hatte, der Bass übertrumpfe den Rest zu deutlich. Wenngleich der Bass für den MDR-Z1R ganz sicher klangbestimmend ist, sind es aber diese ganz tiefen Frequenzen, die mich anfangs austricksten. In Ausnahmefällen werden die unteren Mitten vom Bass aber tatsächlich „überfahren“. Zusammenfassend fühlt sich der Bass organisch und cool an, ist detailreich und deep – aber zerrt bei manchen Produktionen mit viel Bass.

Die Mitten bieten ein grundlegend differenziertes Abbild des Geschehens. Gitarren, ob elektrisch oder akustisch klingen begeisternd. Die Grundklänge anderer Instrumente des Spektrums werden ebenso sehr gut abgebildet. In den unteren Höhen sieht man im Meßdiagramm eine deutliche Nase, die sich allerdings im Höreindruck nicht als „hupig“ entpuppt. Darüber fehlt es mir etwas an Klarheit. Becken klingen zum Teil leicht verschwommen, Vocals können sich nicht komplett entfalten. Ganz nach oben hin kommt es dann nochmals zu einem Bereich deutlicher Betonung, was zum einen Luftigkeit erzeugt, manche Signale aber etwas scharf klingen lassen.

Räumlich bietet der MDR-Z1R ein sehr weit aufgeschlüsseltes Bild. In komplexen Produktionen lassen sich viele Schichten differenzieren. Hallräume sind förmlich greifbar, Delays können innerlich nachgemalt werden. Auch in die Höhe und Tiefe bildet der Kopfhörer schön ab.

Es ist wirklich nicht leicht, ein abschließendes Klangbild zu formulieren: Der MDR-Z1R hat eine für mich nicht ideale aber trotzdem mitunter enorm mitreißende Abstimmung mit detaillierter Raumabbildung und Atmosphäre.

Fazit: Sony MDR-Z1R
von Marcus Schlosser

Bewertung
Bewertung:
Sound
Handling
Preis/Leistung
Funktion

Der Sony MDR-Z1R ist ein überragend bequemer Kopfhörer, aus Materialien gefertigt, die einen dahinschmelzen lassen. Ich konnte bei „deaktiviertem Analysemodus“ stundenlang genussvoll hören. Der räumliche Detailreichtum ist beeindruckend, sowohl bei Live-Aufnahmen, als auch bei Hollywood Blockbustern. Bei bekannten Referenzen musste ich teilweise stutzen, weil durch die eigenwillige Abstimmung einerseits Anteile unerwartet überhöht präsentiert werden und es an anderen Stellen an Präsenzen fehlt. Im Analysemodus fielen mir unerwartet deutliche Eingriffe in den Frequenzgang auf, die sicher polarisieren. So werden einige Anwender mit dem notwendigen Kleingeld ihr Glück beim MDR-Z1R finden, wohingegen andere dieser Klang nicht vollends überzeugen wird.

  • unglaublich bequem und komfortabel
  • tolle, immersive „3D“-Auflösung räumlicher Ereignisse
  • Design der Extraklasse
  • etwas weniger Bass(zerren) und ausgewogenere Höhen wäre wünschenswert

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Messdaten

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Technische Daten

Bauform
Over-Ear
Bauweise
geschlossen
Wandlerprinzip
dynamisch
Audio-Übertragungsbereich (Hörer)
4 - 120.000 Hz
Impedanz
60 Ohm
Schalldruckpegel (SPL)
102,13 dB
Druck gemittelt aus großem und kleinem Kopf
687 g
Gewicht mit Kabel
466 g
Gewicht ohne Kabel
385 g
Kabellänge
300 cm

Lieferumfang

  • Kombistecker-Adapter (vergoldet)
  • Kopfhörerkabel (ca. 3,0 m, versilberte OFC-Kabel, vergoldete Stereo-Mini-Stecker)
  • Symmetrisches Kopfhörerkabel (ca. 1,2 m, versilberte OFC-Kabel, L-förmiger, vergoldeter Standardstecker)
  • Gehäuse

Besonderheiten

  • Kompatibel mit High-Resolution Audio
  • von Hand gefertigt

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