Wer hat, dem wird gegeben. Beoplay hat schon mit dem H4 einen feinen Auftritt im kopfhoerer.de-Test hingelegt, und so stellt sich beim H9 eigentlich eher die Frage, was man für 200 Euro Mehrkosten gegenüber dem noch in guter Erinnerung gebliebenen H4 denn alles so besser machen kann.

Antlitz

Der uns vorliegende H9 ist die in Schwarz gehaltene Variante, welche auch in Argilla-Grey-Version mit Cremefarbenen Besatz daherkommt. Beiden Farbvarianten gemein ist, dass feinstes Lamm- und hochwertiges Rindsleder einige der Materialien sind, die den H9 inklusive Ästhetik-Gewinn in Würde altern lassen können. Die überaus angenehm aufliegenden Ohrpolster sind mit „Adaptive Memory Foam“-Materialien ausgepolstert – sprich: die Polster zeigen weder Dellen nach Gebrauch noch sind sie so hart, dass am Ohr irgendein Gefühl des Unwohlseins hinterlassen wird.

Die Metall- und Kunststoff-Teile des H9 hinterlassen ebenfalls ein Gefühl hoher Materialgüte, der smooth agierende Bügelverstellmechanismus wird überdeckt durch sauber vernähte Kopfpolster mit akkurat aufgesetztem Rindslederabschluss. Mit knapp dreihundert Gramm ist der H9 kein Leichtgewicht, dank sauberer Verarbeitung hochwertiger Materialien hatte ich aber auch bei längeren Hörsessions nie das Gefühl, den Headphone trotz gemittelten Anpressdrucks von 527,5 Gramm zwecks Entlastung vom Kopf nehmen zu müssen.

Test-Marathon

Der H9 zwickte und zwackte auch über längere Zeiträume in keiner Weise. Und dank austauschbarem Lithium-Ion-Akku, welcher extrem lange Hörstrecken zurücklegen kann ohne schlappzumachen, ist er auch im Betrieb ein regelrechter Dauerläufer. Dass ein Beoplay nicht nur wegen der Materialien gerne Patina ansetzen kann, sondern auch aufgrund des Wechselakkus die Freude am Gerät länger anhält, beantwortet auch ein wenig die Anfangsfrage bezüglich des Mehrwerts gegenüber einem H4, zumal aktives Noise Cancelling ja jetzt dazugehört.

Die Bluetooth-Verbindung ist sowohl mit meinem iPhone als auch einem iMac schnell aufgebaut und blieb auch im Radius Schreibtisch-Kaffeemaschine-Haustür stabil, erst in Nebenräumen gab’s dann mal den einen oder anderen Aussetzer.

Wer will, kann den H9 auch kabelgebunden betreiben – ein Flugzeugadapter liegt ebenfalls bei. Das knapp 1,2 Meter lange Miniklinkenkabel ist mir persönlich aber ein wenig zu kurz. Schon an der Rückseite des Rechners gesteckt war der Aktionsradius leicht eingeschränkt. Aber: der H9 ist ja vor allem ein Kopfhörer mit Drahtlostechnologie, und meine Hörtests zeigten nur marginale Unterschiede zum Kabelbetrieb. ANC ist übrigens auch beim Betrieb mit Kabel möglich, wobei im Test ein deutlicher Lautstärkeunterschied festzustellen war. Bei aktiviertem Noise Cancelling war das Nutzsignal deutlich verstärkt gegenüber deaktivierter Elektronik, das Umschalten beim Bluetooth-Betrieb offenbarte nicht solche starken Unterschiede. Mit einer Impedanz von 20,65 Ohm zeigte der Hörer beim iPhone eine hohe Spielfreude. Hohe Lautstärken wurden spielend erreicht, ruhigere Passagen dank guter Abschirmung auch ohne Noise Cancelling dezent ans Ohr gereicht.

Wagnerfestspiele

 

Aber hören wir doch erst mal rein. Der H9 hat bei voller Ladung geradezu nibelungische Fähigkeiten. Die 16 Stunden Spieldauer (Bluetooth ohne ANC) entspricht ungefähr der Zeit, welche die Aufführung des Wagner-Epos „Der Ring des Nibelungen“ dauert.

Opern-Fans kommen aber auch so auf ihre Kosten. Wagners Prelude aus „Das Rheingold“ deutete trotz der hohen Dichte aus Hörnern, tiefen Streichern und einem mächtigen Finale immer noch die Herkunft des Orchestergrabens an, und in den folgenden Szenen mit Gesang konnte die Tiefe der Bühne akustisch nachvollzogen werden. Eine ehrwürdige Chopin-Etüde, gespielt von Maurizio Polini, offenbarte das detailreiche Klangbild einer Klavieraufnahme der Deutschen Grammophon. Die ostinaten Synthie-Bässe aus Donna Summers „I Feel Love“ spielt der H9 angenehm ausgewogen und tight, und selbst „The Way“ von „Mehsell Ndegeocello“ aus unserer Kopfhoerer.de-Spotify-Play-List schob der H9 in Sachen Tiefbass akkurat in Richtung meiner Hörsinne.

Spätestens jetzt aber griff ich dann gern zu der Beoplay-App, welche es mir ermöglicht, die Klangcharakteristik ein wenig anzupassen. Auch hier war die beim H4-Test ein paar Monate zuvor präferierte Einstellung mit weniger Bass meine angenehmste.

Der Sound des H9 ähnelt dem der kleineren Brüder und Schwestern im Beoplay-Kopfhörer-Segment. Warm und weich, gleichwohl direkt, sehr gut abgestimmt auf mobile Player, dank Bluetooth 4.2 mit neusten Profilen und besten Codecs ausgestattet überzeugt der Sound in allen Belangen. Ob akustische Instrumente, knackige Pop-Produktionen, schiebende Electrobeats oder eben auch Klassik: Der Beoplay H9 meistert alle Stile mit Bravur. Aufgrund der geschlossenen Bauweise immer mit der als „Dichte“ empfundenen Portion Kompression. Mit eingeschalteten ANC befindet man sich akustisch quasi im geschlossenen Raum und kann die Musik gerade so genießen, wie die Produzenten es wahrscheinlich auch gewollt haben.

Nette Gesten

Die Steuerung des H9 geschieht via Wischen und Tippen der metallenen Außenfläche der rechten Ohrmuschel. Durch Antippen wird eine Wiedergabe gestartet oder pausiert, kreisförmige Bewegung im Uhrzeigersinn erhöht die Lautstärke, andersherum wird sie gemindert. Ist der H9 via Bluetooth mit einem Smartphone verkoppelt, wird durch Antippen ein Anruf angenommen, längeres Drücken beendet den Call. Zweimal Tippen bedeutet Wahlwiederholung, und auch hier wird durch kreisende Gesten die Gesprächslautstärke angepasst. Wenn man das Gespräch auf das Smartphone umlenken will, gilt die Geste „vorwärts ziehen“ als Befehl. Das Noise Cancelling kann ebenfalls durch Wischgesten aktiviert werden. Ein Swipe nach oben schaltet ANC ein, nach unten gewischt wieder aus.

Die Steuerung geschah während des Tests konfliktfrei und zuverlässig. Nach einer kurzen Lernzeit wurden auch eingehende Anrufe souverän angenommen und nach kurzen „muss Arbeiten“ schnell wieder auf Musikgenuss geschaltet. Sprachsteuerung unterstützt Beoplay nicht, was ich persönlich nicht schlimm finde – im Gegenteil: das Gequatsche mit Computerstimmen beim Gebrauch von Kopfhörern habe ich sowieso nie vermisst.

Noise Cancelling

Das Noise Cancelling beim H9 funktioniert sehr gut und beeinflusst auch den Sound nur marginal. Da der H9 aufgrund der geschlossenen Bauweise schon eine recht hohe Dämpfung aufweist, kann der Beoplay zum Musikhören gut ohne Noise Cancelling auskommen, zumal der Akku so auch länger durchhält. Der Ruhetest (ANC an ohne Musik) bei offenem Fenster in der Stadt mit Straßenbahngebimmel, Schienengeräuschen, anfahrenden und bremsenden Autos, Menschengebrummel und das ein oder andere Martinshorn hat der Beoplay H9 bravourös gemeistert. Auch wenn mir der direkte Vergleich fehlt: lediglich ein Sennheiser PXC 550 scheint mir hier noch ein Ticken besser Geräusche zu dämmen, aber ein Nickerchen in belebten Zonen des urbanen Lebens, vor allem aber bei Langstreckenflügen ist dank Geräten wie dem H9 eines der Errungenschaften, die ich beim Active Noise Cancelling so schätze.

Fazit: B&O Play Beoplay H9
von Ralf Willke

Bewertung
Bewertung:
Sound
Handling
Preis/Leistung
Funktion

Der B&O Play Beoplay H9 spielt in allen Belangen in der oberen Liga, was man bei knapp 500 Euro aber auch erwarten darf. Die typische Bang&Olufsen-Klangtextur bietet auch dieser hochwertige Hörer, der Dank sehr guter Verarbeitung mit hochwertigen Materialien sowie austauschbarem Akku und großartigem Noise Cancelling ein Kopfhörer auf lange Zeit ist. Wer etwas mehr investieren will, kann mit dem H9 lange Freude haben – was die Investitionskosten dann auch wieder einspielt.

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Technische Daten

Bauform
Over-Ear
Bauweise
geschlossen
Wandlerprinzip
dynamisch
Audio-Übertragungsbereich (Hörer)
20 - 22.000 Hz
Impedanz
20,65 Ohm
Schalldruckpegel (SPL)
100,52 dB
Druck gemittelt aus großem und kleinem Kopf
527,5 g
Gewicht mit Kabel
291 g
Gewicht ohne Kabel
282 g
Kabellänge
120 cm

Lieferumfang

  • Miniklinkenkabel
  • Mikro-USB-Kabel
  • Flugzeugadapter
  • Transportbeutel

Besonderheiten

  • in den Farben Schwarz und Argilla-Grey erhältlich
  • Bluetooth 4.2 mit aptX Low Latency
  • AAC
  • Headset Profil (HSP)
  • Hands Free Profile (HFP)
  • Advanced Audio Distribution Profile (A2DP)
  • Audio Video Remote Control Profile (AVRCP)
  • optionales Zubehör erhältlich: Akku-Pack, diverse Kabel

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