Neumann NDH 30

Offener dynamischer Studiokopfhörer mit neutralem, analytischem Klang

Mit dem NDH 30 liefert Neumann den perfekten Partner zum NDH 20 aber auch zu den eigenen KH-Regiemonitoren. Der offene Kopfhörer agiert neutral, analytisch und stimmig. Damit erhält der wertige und bequeme Over-Ear als Arbeitsmittel für die Tonregie eine uneingeschränkte Empfehlung, dürfte aber auch audiophilen Musikhörern gefallen.

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Der Name Neumann steht seit 1928 für hochwertige Studiotechnik. Kaum ein Tonstudio, das nicht auf die renommierten Mikrofone des Berliner Herstellers zurückgreift. Seit der Übernahme von Klein und Hummel durch Sennheiser in 2005 hat man bei Neumann, die seit 1991 ebenfalls Teil des Sennheiser-Konzerns sind, auch professionelle Studiomonitore im Angebot. Die Entwicklung von Kopfhörern für diese Zielgruppe war also durchaus naheliegend. Den Anfang machte dabei der geschlossene Over-Ear-Kopfhörer NDH 20 (zum Test), der sich seit seiner Markteinführung 2019 fest etabliert hat. Den nächsten Schritt wagt der traditionsreiche Hersteller nun mit dem offenen Over-Ear-Modell NDH 30, der eine Preisklasse höher spielt und sich konstruktionsbedingt für Regiearbeiten empfehlen soll.

Schnörkelloses Konzept: Die Technik des Neumann NDH 30

Der Neumann NDH 30 ist kabelgebunden und soll schlicht durch ehrlichen Klang überzeugen – ganz im Sinne einer professionellen Tonproduktion . Die Verarbeitung und das schwarz-mattsilberne Design erinnern dabei stark an den NDH 20. Geliefert wird der Kopfhörer in einer schmucken aufklappbaren Pappverpackung mitsamt Tragebeutel aus Stoff. Der Kopfhörer selbst sieht hochwertig und eigenständig aus, ist stabil verarbeitet, weniger als 400 Gramm leicht und setzt auf einen Materialmix aus Aluminium und Kunststoff. Der gepolsterte Kopfbügel ist über ein Federstahlband längenverstellbar, während die großen runden um 90 Grad rotierbaren Hörmuscheln auf wechselbare stoffummantelte Schaumstoffpolsterungen setzen. Ein Blickfang ist die einseitige Aufhängung der Hörmuscheln, die beide einklappbar sind und so ein kompaktes Packmaß ermöglichen.

Technisch setzt Neumann auf dynamische Treiber mit 38-mm-Durchmesser und Neodym-Magneten. Laut eigenen Angaben werden diese Treiber mit engen Toleranzen gefertigt, was nicht nur den Paarabgleich, sondern auch eine übergreifende Konsistenz ermöglicht.

Die Treiber sind weiterhin leicht schräg verbaut, was den Stereo-Eindruck generell natürlicher und kompatibler zur Lautsprecherwiedergabe gestalten soll. Dasselbe Prinzip kennt man etwa von Ultrasone. Hinzu kommen frequenzselektive Absorber, mit denen Überbetonungen im Hochtonbereich verhindert werden sollen.

Die offene Konstruktion ermöglicht schließlich ein unbeschwertes und schnelles Schwingen der Membranen in beide Richtungen. Gleichzeitig sind diese nach außen durch ein perforiertes schwarzes Metallgitter geschützt. Eine weitere Besonderheit ist das einseitig geführte symmetrische drei Meter lange Anschlusskabel. Es endet auf einer 3,5-mm-Klinke mit Schraubadapter auf das 6,3-mm-Format. Die Symmetrie beschränkt sich allerdings allein auf das Kabel und nicht den Anschluss. So führt das Kabel das linke und rechte Signal in eigenen aber innerhalb des Kabels gebündelten Kabelsträngen, die erst in der Klinke zusammenlaufen. Laut Neumann führt diese Technik zu einer Verbesserung der Kanaltrennung. Kabel mit symmetrischen Pentaconn- oder XLR4-Anschlüssen bietet Neumann hingegen nicht an. Die entsprechenden Schnittstellen sind im professionellen Bereich auch außerordentlich selten.

Praxis

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Der Neumann NDH 30 sitzt dauerhaft bequem auf dem Kopf. Der angenehm weiche Stoffbezug schmeichelt der Haut und führt zu keinem unangenehmen Schwitzen. Extras gibt es keine, dafür aber eine praxistaugliche mögliche Austauschbarkeit der Ohrpolster und des Kabels. Letzteres kann optional durch kürzere oder Spiralkabel ersetzt werden.

Was den Außenpegel angeht, wirkt der NDH 30 auf mich eher halboffen, denn die Schallemissionen sind deutlich gedämpft. Nun, das ist kein Nachteil. Mit einer gemittelten Impedanz von knapp 122 Ohm benötigt das Testgerät zwar keinen explizit potenten Kopfhörerverstärker, erreicht an einem Smartphone aber nicht sein volles Potential. So nutzte ich für meine Tests einerseits den RME ADI-2 Pro FS (zum Test) und andererseits den portablen DAP Shanling M3X (zum Test).

Klang

In der Preisklasse oberhalb von 500 Euro darf man einiges erwarten. Und tatsächlich hat die Entwicklungsabteilung bei Neumann ihre Hausaufgaben gemacht. Der Neumann NDH 30 ist kein Schönfärber, sondern ein Kopfhörer für den Einsatz in der Tonregie. Er klingt vergleichsweise neutral und soll die jeweiligen Quellen nicht beschönigen. Nach eigenen Angaben orientiert sich der NDH 30, abgesehen vom deutlich ausgeprägteren Stereopanorama, am Klangbild der KH-Monitorreihe und ermöglichst somit übergreifende Mischungen – ein cleveres Konzept. Linearität und Impulstreue stehen im Fokus: Ziel ist es, das Klangbild eines per MA1 eingemessenen Hörplatzes mit Monitoren der KH-Serie über das „Werkzeug“ Kopfhörer zu transportieren und somit dem Profi eine Transferierbarkeit der Mischung zu ermöglichen.

Dabei stellt sich eine elementare Frage der Tonstudiotechnik: Soll mein „Monitor“ unbestechlich daherkommen oder eher ein Klangbild liefern, das sich an der Welt der Konsumenten orientiert. Neumann beantwortet diese Frage deutlich: Der NDH 30 hat das Ziel einer neutralen Wiedergabe. Natürlich soll er auch autark als Mittel zur sicheren Beurteilung von Audiosignalen herhalten und somit als Bewertungsreferenz fungieren. Das ist durchaus sinnvoll, denn Kopfhörer sind heute ein stark verbreitetes Wiedergabesystem – von Stereo bis zu immersiven Mischungen und Inhalten von Spielen.

Das Hörerlebnis ist sachlich, ausgewogen, detailliert und dynamisch, aber keinesfalls „langweilig“. Der NDH 30 vermeidet vordergründigen Hörspaß durch die Betonungen vieler Konsumentenprodukte. Das erklärt auch, warum ich stellenweise den Pegel etwas weiter aufdrehte. Generell ist der NDH 30 ein Arbeitsgerät, das auch bei langen Hörsitzungen akustisch nicht anstrengt.

Im Bass gibt sich der NDH 30 konturiert aber durchaus leistungsstark. Tiefbass ist in vollem Umfang zu hören – von einer Bassbetonung kann allerdings keine Rede sein. Je nach Mischung klingt es voluminös und tief (Nick Cave & The Bad Seeds: „Galleon Ship“), dann knochentrocken und schlank (Kraftwerk: „Die Roboter“) oder wie in „Lucky Lobsters“ von 2raumwohnung elektronisch druckvoll und warm.

Das weitere Spektrum wird analytisch reproduziert. In den Mitten lassen sich Instrumente und Stimmen aller Art, ob akustisch, elektronisch oder bewusst verzerrt gut bewerten. Unterschiede werden herausgearbeitet, Schwächen gezeigt. Einzig eine Nase in den Hochmitten fällt mir auf. Dennoch klingen metallische Gitarren, die oft zur Härte neigen können, bei entsprechender Mischung überzeugend – von AC/DC bis Meshuggah und Slayer. Umgekehrt aber tönen auch explizit warme Rockmischungen wie „Sorceress“ von Opeth keinesfalls zu bedeckt.

In den Höhen gibt sich der NDH 30 ehrlich und offen. Ungewollte Härten bleiben aus, wobei die Grenzbereiche (Britney Spears „Toxic“) klar aufgezeigt werden. Details und Luftigkeit werden durch die schnelle Ansprache überzeugend und mühelos herausgearbeitet. Auch das Stereopanorama wird breit, stabil und mit präziser Ortbarkeit aufgebaut. Raumeffekte lassen sich gut nachvollziehen und beurteilen. Schließlich verdient sich der Neumann NDH 30 ein echtes Lob für die Reproduktion der Dynamik.

Fairerweise muss man feststellen, dass das Messdiagramm keine Gerade zeigt. Das wäre für einen Vollbereichstreiber auch zu viel erwartet und trifft für keinen konventionellen passiven Kopfhörer zu. Bemerkenswert ist allerdings die Linearität abwärts von 1 kHz.

Ebenso überzeugend ist die Treiberstabilität. Selbst hohe Pegel und Tiefbass reproduziert der NDH 30 mit geringen Verzerrungen. Gleichzeitig zeigt er aber eben auch Unsauberkeiten bei der Aufnahme auf. So ist der gewaltige Tiefbass in Rihannas „Pon de Replay“ bereits quellenseitig keinesfalls völlig sauber.

Obwohl der NDH 30 explizit eine professionelle Klientel adressiert, interessierte uns der vergleichende Blick ins audiophile Lager, etwa hin zum „hauseigene“ Sennheiser HD 660 S (zum Test). Beide Modelle klingen herrlich offen und räumlich, reproduzieren den Mittenbereich stimmig und reichen tief in den Bassbereich hinab. Der NDH 30 hat für meine Begriffe letztlich aber die Nase vorn, kostet allerdings auch mehr. Sennheisers HD 800 S (zum Test) fällt deutlich teurer aus. Er setzt auf eine schlankere Abstimmung mit einer Höhenbetonung, die zu einer beeindruckenden Detailauflösung und Luftigkeit führt, die der NDH 30 nicht erreicht. Und auch der magnetostatische Peacock von Sendy Audio rechtfertigt seinen mehr als doppelt so hohen Preis in Bezug auf eine nochmals gesteigerte Räumlichkeit.

Das schmälert das sehr gute Ergebnis des NDH 30 aber nicht, sondern zeigt lediglich, dass bei Neumann noch Platz für ein nochmals höherwertiges Modell sein dürfte.

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Ulf Kaiser
vor 4 Monaten von Ulf Kaiser
  • Bewertung: 4.75
  • Sound
  • Handling
  • Preis/Leistung
  • Funktion

Neumann liefert mit dem NDH 30 den passenden offenen Partner zum NDH 20. Mit seiner analytischen weitgehend neutralen Klangsignatur empfiehlt sich dieser dynamische Over-Ear-Kopfhörer aus dem Stand für den Einsatz im Studiobereich mit klarem Fokus auf Mischung, Mastering und Editierarbeiten. Neben professionellen und semiprofessionellen Ton- und Sendestudios ist der NDH 30 auch bestens für Computer- und Schnittplätze geeignet und zudem ganz sicher auch ein Tipp für anspruchsvolle Musikgenießer.

Messdaten

Frequenzgang:

Außendämpfung:
Mehr Messdaten

Technische Daten

  • BauformOver-Ear
  • Bauweiseoffen
  • Wandlerprinzipdynamisch
  • Audio-Übertragungsbereich (Hörer)12 - 34.000 Hz
  • Impedanz121,95 Ohm
  • Schalldruckpegel (SPL)96,46 dB
  • Druck gemittelt aus großem und kleinem Kopf660 g
  • Gewicht mit Kabel425 g
  • Gewicht ohne Kabel350 g
  • Kabellänge300 cm

Lieferumfang

  • symmetrisches Anschlusskabel
  • Adapter auf 6,35 mm
  • Tragebeutel

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