Steven Slate Audio VSX 2.0

Computerbasierte Studioregie-Simulation mit passendem geschlossenen Over-Ear-Kopfhörer

Mit VSX hat Steven Slate Audio einen vollständigen ausgestatteten virtuellen Regieraum im Angebot. Durch die Mischung aus DAW-Plug-in, dediziertem Kopfhörer und einer Auswahl virtueller Mischräume, Lokalitäten und Abhörgeräten gelingt eine kompakte Beurteilungsinstanz für tontechnische Arbeiten. Mit der nötigen Einarbeitung lässt sich so erstaunlich treffsicher abseits eines echten Tonstudios arbeiten. Für etwa 500 Euro ist das absolut beachtlich.

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Die Musikwiedergabe über Lautsprecher unterscheidet sich in wesentlichen Faktoren von Kopfhörern. So gibt es im ersten Fall eine nach vor gerichtete Ortung der Schallquellen, ein Übersprechen zwischen den Stereokanälen und den prägenden Einfluss der Raumakustik. Entsprechend werden reproduzierte Schallereignisse auch anders wahrgenommen.

Für Toningenieure ist das ein echtes Problem, möchten sie doch sichere Entscheidungen bei der Bewertung und Bearbeitung solcher Schallquellen treffen, die sich anschließend auch auf anderen Ausgabesystemen als richtig erweisen sollen. Das ist schon ohne Kopfhörer schwer genug, denn jeder Lautsprecher und Raum klingt anders und nicht umsonst verfügen professionelle Tonstudios über akustisch optimierte Regieräume, die solch Verlässlichkeit erst ermöglichen.

Genau hier setzt der US-amerikanische Hersteller Steven Slate Audio mit seinem Produkt VSX an – eine Kombination aus Hard- und Software. Adressiert wird sowohl das Problem des fehlenden Raumklangs über Kopfhörer als auch die mögliche Übertragbarkeit tontechnischer Arbeiten zwischen Lautsprechern und Kopfhörern.

Dynamischer Kopfhörer

Aus einem dekorativen mattschwarzen Kartonschuber zieht man einen mattschwarzen, geschlossenen Over-Ear-Kopfhörer mit einseitig geführtem, bei Bedarf auswechselbaren Kabel mit 3,5-mm-Klinkenanschluss. Der passende Steckadapter auf das 6,3-mm-Format gehört ebenso zum Lieferumfang wie ein Form-Case für die sichere Aufbewahrung. Die Kopfhörer sind aus Kunststoff gefertigt und mit Lederimitat gepolstert. Der Bügel ist längenverstellbar, die Hörmuscheln kipp- und jeweils um 90 Grad drehbar, gefühlt allerdings in die falsche Richtung. Die dynamische Konstruktion arbeitet mit Beryllium-bedampften Treibern, die von Neodym-Magneten angetrieben werden. Die Basswiedergabe wird dabei über ein eigenes Bassreflexsystem (APS/Acoustic Ported Subsonic) unterstützt.

 

… und Software

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Die zweite Komponente von VSX ist eine Software, die sich in die Audioausgabe der Produktionsumgebung (DAW) einklinkt und dort in Echtzeit Klanganpassungen vornimmt. Die Software erhält man nach Registrierung auf der Webseite des Herstellers. Per Software-Manager landen die Systemkomponenten auf dem entsprechenden Win/Mac-Computer. Unterstützt werden dabei die gängigen Plug-in-Formate VST2/3, AU und AAX, die somit einen Betrieb mit nahezu jeder aktuellen DAW prinzipiell ermöglichen. Prinzipiell ist über Hilfsprogramme auch eine korrigierte Tonausgabe abseits der Produktionsumgebung möglich, an dieser Stelle sollte der Hersteller aber noch nachbessern. Die Software selbst wird durch ein Kopierschutzverfahren (iLok) lokal oder per Dongle geschützt.

Praxis

Die Kopfhörer sind unabhängig von der Software nutzbar. Sie sind federleicht bieten einen guten dauerhaften Tragekomfort, wenngleich man bei heißen Temperaturen unter den Kunstlederpolstern zu schwitzen beginnt. Bei der Konstruktion hat der Hersteller fortlaufend an der Stabilität gearbeitet. Insbesondere die Bügel sollen in der aktuellen Baureihe 23 dem Einsatz im Studiobetrieb hinreichend gewachsen sein. Dennoch ist die Konstruktion weniger robust als bei Kopfhörern in vergleichbarer Preisklasse.

In der Praxis gehören die Kopfhörer an das jeweilige Audio-Interface. Dort fügt man die VSX-Software in die Summe oder den Monitorkanal seiner DAW (Pro Tools, Cubase, Studio One, Logic, Live etc.) ein. Für unterschiedliche Routing-Anforderungen, etwa die Umschaltung auf echte Studiomonitore, bietet der Hersteller Unterstützung auf der Webseite.

VSX bietet eine ansprechend gestaltete Bedienoberfläche, die eine wählbare simulierte Regie oder alternative Abhörsituation zeigt. Die aktuelle Version 2.0 bietet gleich fünf Studioregien, etwa von Steven Slate selbst, von Mastering-Ikone Howie Weinberg oder dem NRG Studio aus Hollywood. Diese weisen jeweils eine eigene Akustik aber auch individuelle Monitore auf – von Auratone bis zum großen PMC-Modell. Je nach Auswahl hat man sogar noch die Auswahl zwischen Nahfeld-, Mittelfeld- und Hauptmonitoren, die ihrerseits einen Eigenklang aufweisen.

Die akustischen Eigenschaften von Raum und Monitoren werden in Echtzeit mit dem Nutzsignal verrechnet. Das nennt der Hersteller „Binaural Perception Modeling“ (BPM). Das kostet glücklicherweise auf einem aktuellen Rechner kaum nennenswert Rechenleistung, sodass VSX kaum die Ressourcen der DAW mindert.

Das Ergebnis ist durchaus beeindruckend. Dabei gibt es die Möglichkeit, mit regelbarer Pegelkompensation auf den reinen linearisierten Kopfhörerklang zu wechseln – sinnvoll etwa, wenn man spezifisch für Kopfhörer mischt. Für diese Aufgabe steht zusätzlich eine lineare Simulation namens „SA-Linear“ bereit. Zur weiteren Optimierung gibt es weitere Parameter für Feinabstimmung und -anpassung an das eigene Ohr, einen schaltbaren 4-Band-Equalizer sowie die sinnvolle Option, die Simulation im Falle einer finalen Ausgabe automatisch aus dem Signalpfad zu entfernen. Vorsicht jedoch: DAWs wie Ableton Live besitzen einen Cue-Bus, der die Pegelkompensation (also das Plug-in) umgeht und daher zu störenden Pegelsprüngen führt.

Ein perfektes Paar?

Die Stärke von VSX ist gleichzeitig die größte Schwäche: Prinzipiell lässt sich die Software mit anderen Kopfhörern nutzen. Nur ergibt das wenig Sinn: Kaum ein passiver Kopfhörer kann volle Linearität für sich beanspruchen. Und die Raumsimulation gelingt unter anderem nur deshalb so gut, weil Steven Slate Audio die spezifischen Parameter des Kopfhörers kennt und über die Software kompensiert. Zwar wird der individuelle Kopfhörer nicht vermessen, aber immerhin die Baureihe.

Allerdings kommt es nicht immer nur auf Perfektion an. Auch Regieräume und Lautsprecher sind selten makellos. Und teils ist sogar das Gegenteil gefragt: Der Sound eines beliebten Clubs kann durchaus die Mischung beeinflussen. Nicht umsonst testet so mancher Produzent sein Werk vor Ort auf Tauglichkeit. Und schließlich gibt es noch den gewöhnlichen Musikhörer. Dieser hört mal mit seiner audiophilen HiFi-Anlage, mal im Auto und mal per Kopfhörer Musik.

Um entsprechende Vergleiche zu ermöglichen, stellt VSX auch solche „Räume“ zur Verfügung: die goldene Heimanlage, besagten Club in neutraler oder bassbetonter Variante, die berüchtigte Boombox sowie sechs Kopfhörer von AirPods bis zum teuren Audeze LCD-4z, teils mit umschaltbaren Impedanzen, kabelgebunden oder per Bluetooth.

Mit dieser Auswahl wird VSX zur leistungsstarken, portablen Regie. Es bietet die Möglichkeit, ohne Lautsprecher mit Kopfhörern zu arbeiten. Dabei lassen sich Besonderheiten der Lautsprecherwiedergabe berücksichtigen und Szenarien simulieren, unter denen Musik beim Konsumenten gehört wird – mit dem Ziel, eine klanglich allgemeingültige Arbeit zu erreichen.

Klang

Im Mittelpunkt der Betrachtung steht der Klang. Der Kopfhörer, der in Kooperation mit Scavea Technologies entwickelt wurde, stellt die Basis des Systems dar. Er soll eine bewusst ungeschönte, möglichst lineare Wiedergabe bieten. Vermutlich aus praktischen Gründen wurde die Konstruktion geschlossen ausgeführt. So wird VSX zur echten mobilen Regie, die es an beliebigen Orten möglich macht, auch mit höheren Pegeln zu arbeiten, ohne dabei das Umfeld zu stören.

Die unentzerrte Basis hörte ich mir an einem Shanling DAP M3X (zum Test) an. Die VSX-Hardware entpuppte sich als ausgewogen klingender, pegelkräftiger Over-Ear-Kopfhörer, ehrlich und mit guter Frequenz- und Kanaltrennung. Die Beurteilung von Mischungen zeigt dabei die nötigen klaren Unterschiede. So sind der leicht belegt aufgezeichnete Gesang von Nancy Sinatra und die klassische Links-Rechtsverteilung der Instrumente auf „In My Room“ sofort erkennbar und markieren einen signifikanten Unterschied zum, im Vergleich, kräftigen Pegel und der zusätzlichen Transparenz einer aktuellen Produktion wie etwa „Moonshot“ von Myles Kennedy.

Der Bassbereich gibt sich eher schlank. Tiefbass wird reproduziert, fällt im Pegel aber ein wenig ab. In den Mitten hört man Gesangsstimmen und akustische Instrumente klar und detailreich. Verzerrte Gitarren stimmen in aller Regel und stechen nicht unangenehm hervor. Auch in den Höhen ist die Leistung gut, erreicht aber nicht die Luftigkeit und Transparenz teurer offener Systeme. Im tontechnischen Sinne wird die Grenze zur Härte nicht ungewollt überschritten. Weiterhin wird die Stereobühne sicher aufgebaut und Bewegungen nachvollziehbar abgebildet. Raumeffekte sind erkenn- und bewertbar, während es bei der Raumtiefe wie bei den meisten Kopfhörern hapert. Abschließend lassen sich auch Dynamikunterschiede gut erkennen. Kurz: Der reine Kopfhörer liefert ein durchaus ansprechendes Ergebnis. Ich würde allerdings nicht so weit gehen, diesen in eine Reihe mit dem Sennheiser HD 660 S (zum Test) oder dem Neumann NDH 30 (zum Test) zu stellen.

Ab in den virtuellen Raum

Erst mit der zugehörigen Software wird die gewünschte Raumsimulation erreicht. Und die kann in der Tat ziemlich authentische Ergebnisse liefern. Der Klangeindruck wird mit dem Umschalten auf eine Studioregie räumlicher und bezüglich der Ortung nach vorn verschoben. Das ist für die Mischung erleichternd, wenn man zwischen Kopfhörer und Regielautsprecher wechselt.

Das Umschalten zum reinen Kopfhörer per interner Bypass-Taste zeigt das Problem: Die Kopfhörermischung klingt in zentralen Bereichen anders, etwa in den Mitten, aber auch von der Räumlichkeit. Bei eingeschalteter Regiesimulation ist die Vergleichbarkeit zu einem Lautsprecher hingegen deutlich höher. Gleichzeitig muss aber auch klar gesagt werden, dass die Auswahl an Regien und Monitoren auch Geschmackssache ist. Man dürfte sich in der Praxis auf einige Favoriten für die täglichen Arbeiten einschießen. Hierfür sieht VSX fünf Snapshots für einen schnellen Zugriff vor.

Apropos: Um die Ohren vorurteilsfrei auf eine neue Referenz zu justieren, bietet das Plug-in bei Bedarf eine praktische 2-Sekunden-Pause beim Umschalten. Das ist überaus nützlich, denn das Gehör lässt sich bei Vergleichen allzu leicht in die Irre führen.

Eine Bewertung der Authentizität der Raumsimulation fällt mir schwer, denn ein A/B-Vergleich mit den realen Räumlichkeiten war mir nicht gegeben. Die Übersetzung zwischen unterschiedlichen Räumen und Abhörsystemen wird aber gewährleistet. Letztlich kann man mit VSX sicherer an einer Mischung arbeiten, die übergreifend funktioniert. Unterschiede auf Knopfdruck festzustellen ist erhellend, auch wenn die Aufgabe, den goldenen Mittelweg zu finden, durchaus mit Aufwand verbunden ist.

Der wichtigste Aspekt bleibt aber letztlich unberührt: Ein Toningenieur wird sich in aller Regel auf seine persönliche generelle Erfahrung sowie seine spezifische Kenntnis von Raum und Abhöre verlassen. Und genau das ist auch für die Arbeit mit VSX unumgänglich, zumal das System die Vergleichsmöglichkeiten noch erweitert. Eine längere Phase der Einarbeitung und Gewöhnung ist also unumgänglich. Und an dieser Stelle würde es meiner Meinung durchaus Sinn ergeben, wenn Steven Slate Audio perspektivisch das System öffnete, um Profile von anderen Kopfhörern integrierbar zu machen. Entsprechende Ansätze kennt man etwa von Sonarworks (zum Test) oder dSoniq Realphones (zum Test). Umgekehrt bieten andere virtuelle Regieräume wie von Waves oder Acoustica Audio gar keine spezifische Kopfhöreranpassung. Und das äußert sich durchaus auch klanglich durch einen hörbaren Vorteil von VSX.

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Ulf Kaiser
vor 2 Monaten von Ulf Kaiser
  • Bewertung: 4.13
  • Sound
  • Handling
  • Preis/Leistung
  • Funktion

Steven Slate Audio adressiert mit VSX bekannte Probleme bei der Mischung mit Kopfhörern. Für knapp 500 Euro wird hier ein flexibler virtueller Arbeitsplatz realisiert, der die Tonausgabe linearisiert beziehungsweise mit den Klangeigenschaften renommierter Tonregien und anderen Lokalitäten versieht. So gelingt die erweiterte Beurteilung einer Mischung in unterschiedlichen Räumen unter anderem durch den zugehörigen Kopfhörer, dessen Parameter der Korrektur-Software bekannt sind. Wer für seine Mischungen regelmäßig zu Kopfhörern greift, dem kann VSX eine wertvolle Hilfestellung sein. Eine echte Regie wird zwar nicht vollständig ersetzt, gleichwohl sind die Ergebnisse beeindruckend – eine entsprechende Einarbeitung und Erfahrung vorausgesetzt. VSX eignet sich gleichermaßen für professionelle Tonschaffende, mobile Produzenten sowie für Hobbyisten, weniger jedoch für den reinen Musikgenuss.

Messdaten

Frequenzgang:

Außendämpfung:
Mehr Messdaten

Technische Daten

  • BauformOver-Ear
  • Bauweisegeschlossen
  • Wandlerprinzipdynamisch
  • Audio-Übertragungsbereich (Hörer)20 - 20.000 Hz
  • Impedanz39,3 Ohm
  • Schalldruckpegel (SPL)99,36 dB
  • Druck gemittelt aus großem und kleinem Kopf687 g
  • Gewicht mit Kabel268 g
  • Gewicht ohne Kabel281 g
  • Kabellänge190 cm

Lieferumfang

  • Adapter auf 6,35 mm
  • Seriennummer für Software
  • Transport-Case

Besonderheiten

  • Farbe: Onyx/Galaxy Schwarz
  • Plattform: Mac oder PC
  • Bittiefe: nur 64-Bit
  • Format: VST, AAX Nativ, AU
  • Hardware-Anforderungen (Mac): macOS 10.10 - 11.0 (12.0 Monterey wird nicht unterstützt)
  • Hardware-Anforderungen (PC): Windows 7 oder höher
  • RAM Minimum: 4 GB

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